Seine Bilder sind Dokumente der Protestkultur. Seit Jahren fotografiert Julian Röder Demonstrationen gegen die G-8-Gipfel.
... Der Berliner Julian Röder fotografiert seit langem die Treffen der Regierungschefs der wichtigsten Industrienationen. Röder, Jahrgang 1981 hat aus Genua und Evian Fotos von Demonstrationen geliefert, die nichts mit den krawalllüsternen Schnappschüssen aus den Tageszeitungen gemein haben. Sie zeigen oft eine Übersicht über das Geschehen vom erhöhten Blickwinkel aus, sind romantische Landschaftsbilder und erhellende Gesellschaftsstudien zugleich. Röder hält den Ausnahmezustand fest, die bukolische Landschaft wird zum Schauplatz von Scharmützeln. Seine Bilder sind Schlachtengemälde, ihre Faszination rührt von der Ästhetik des Widerstands, des aussichtslosen Kampfes der mit Holzlatten, Trommeln und Transparenten Bewaffneten gegen die in Aufstandsbekämpfung trainierte Polizei.
Röder zeigt Szenen die in den Nachrichten nicht vorkommen. Ein Vermummter vor einem Haufen Pflastersteinen versucht, den Stadtplan von Genua zu entziffern, junge Leute sonnen sich zwischen zwei Demonstrationen in einem Kornfeld. In Japan wird ein Demonstrant weggetragen, er schwebt in einem Meer von Uniformierten, und mitten im Chaos scheint eine eigentümliche Ordnung bewahrt. Auf einem weiteren Bild ragt ein Hügel aus Nebelwolken: eine ruhige Szene, wäre da nicht der Aktivist, der pathetisch eine rote Fahne trägt – die Komposition scheint an Delacroix geschult. ...
Tobias Timm, Zeit-Feuilleton